Nachhaltige Wertschöpfung durch verantwortungsbewusste Unternehmen

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Dr. Marco Richrath
Interview mit Dr. Marco Richrath | Vice President Shell Deutschland GmbH, General Manager Shell Energy and Chemicals Park Rheinland

Bioökonomie vor Ort: Gemeinsam zukunftsfähige Projekte anpacken

06.09.2021

Die Industrie im Rheinischen Revier steht vor einem tiefgreifenden Wandel, denn fossile Brennstoffe lassen sich nicht von heute auf morgen abschaffen. Vor den Toren des Rheinischen Reviers entsteht einer der weltweiten Zukunftsstandorte des Shell Konzerns. Im Interview erläutert Dr. Marco Richrath, General Manager Shell Energy und Chemicals Park Rheinland, wie zeitgemäße Energieformen und Dekarbonisierungs-Lösungen entstehen und welche Rolle die regionale Bioökonomie hierbei spielt.

Herr Dr. Richrath, wie verändert die Energiewende Ihr Unternehmen?

Die Energiewende verändert auch Shell massiv. Wir wollen unseren Beitrag leisten, um die Pariser Klimaziele zu erreichen. Aus diesem Grund werden wir fossile Produkte nur noch als Schmierstoffe, Bitumen für den Straßenbau oder als Basis für Chemieprodukte anbieten. Diese werden wir nach und nach ebenfalls durch recycelte Rohstoffe ersetzen. Wir werden kein Rohöl mehr verarbeiten, das als Kraftstoff oder Heizmedium umweltschädlich verbrannt wird. Stattdessen wollen wir uns auf biogene Energie-Lösungen, Grünen Wasserstoff oder nachhaltigen Flugtreibstoff fokussieren.

Wie sehen die konkreten Klima- und Nachhaltigkeitsziele von Shell aus? Wie wollen Sie diese erreichen?

Das Bekenntnis zu den Pariser Klimazielen heißt für uns, dass wir bis 2050 oder früher beim CO2-Ausstoß ein Netto-Null-Unternehmen werden wollen. Und zwar im Einklang mit der Gesellschaft, wie wir es nennen. Das bedeutet konkret: Wir wollen nicht nur unsere eigenen CO2-Emissionen auf null herunterfahren, sondern wir helfen auch unseren Kunden bei der Dekarbonisierung. Dafür sehen wir uns genau an, was der Kunde benötigt, um das zu erreichen. Der Energy and Chemicals Park Rheinland spielt als ein sich wandelnder Standort eine besonders große Rolle. Wir wollen hier im Rheinischen Revier Produkte herstellen, mit denen entscheidende Schritte möglich sind.

Wie viel Zeit wird dieser Umbau in Anspruch nehmen?

Wir haben schon damit begonnen, damit wir noch in dieser Dekade sehr signifikante Schritte nach vorn schaffen. Aber machen wir uns nichts vor: Der Wandel ist sehr tiefgreifend. Fossile Brennstoffe lassen sich nicht von heute auf morgen abschaffen. Dennoch wollen wir Vorreiter der Energiewende sein. Zugleich mahnen uns die vergangenen Klimaereignisse auch bei uns vor der Haustür, dass wir die eben beschriebenen Dekarbonisierungsvorhaben umsetzen müssen.

Sie sprachen eben schon davon, dass sich einer der weltweiten Shell Zukunftsstandorte im Kölner Süden befindet, direkt vor den Toren des Rheinischen Reviers. Dort entwickeln Sie die größte Raffinerie Deutschlands zum Energy and Chemicals Park Rheinland. Was heißt das konkret?

Wie es der Name schon ausdrückt, ist der Energie and Chemicals Park Rheinland einerseits eine Plattform für zeitgemäße Energieformen und Dekarbonisierungs-Lösungen. Andererseits werden wir das noch stärker als bisher mit hochwertigen Chemie- und Spezialprodukten kombinieren. Ein Stichwort ist die zirkuläre Wertschöpfungskette. All diese Veränderungen schaffen wir nicht allein. Daher werden wir unsere Tore für Partner öffnen, die mit uns gemeinsam entlang der Wertschöpfungskette wachsen und Innovationen schaffen. Bei uns finden Unternehmen einen erfahrenen Industriegelände-Betreiber mit genehmigten Flächen sowie Anschlüsse an eine hochwertige Infrastruktur und den Zugang zu nachhaltigen Energieformen wie Grünen Wasserstoff, Biogas oder zirkulären Einsatzstoffen. Nicht zuletzt ist es unsere Absicht, als Innovations-Hub einen Energy Campus zu errichten, in dem wir gemeinsam mit Partnern, Wissenschaft, Forschung und Entwicklung, aber auch ideenreichen Start-ups die Energiewende vorantreiben wollen.

Wenn Sie von Grünem Wasserstoff, Biogas oder zirkulären Einsatzstoffen sprechen: Sind das die Stichworte, wenn wir uns eine Raffinerie ohne Öl und fossile Rohstoffe vorstellen müssen?

Bitte bedenken Sie, dass wir nicht sofort auf Rohöl verzichten. Es wird sukzessive weniger eingesetzt. Das heißt aber auch, dass wir zunehmend Ersatz durch biogene Stoffe benötigen. Des Weiteren setzen wir auf neue Kreislaufwirtschaftsketten. Ein wichtiges Thema ist die Aufbereitung von Plastik, das wieder der Produktion zugeführt wird. Es wird viele Chancen geben, damit Shell mit integrierten Systemlösungen für Chemie und Energie im Zuge einer Dekarbonisierung wirtschaftlich arbeiten kann. Die wissen wir zu nutzen.

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Wasserstoffanlage bei Shell Rheinland in Wesseling

Das Rheinische Revier soll Modellregion für nachhaltige Bioökonomie werden. Welche Perspektiven erwachsen hieraus für den Shell-Standort im Rheinland?

Wir haben ein sehr hohes Interesse am Zugang zu biogenen Einsatzstoffen. Nur dann können wir den Bedarf an dekarbonisierter Energie überhaupt zur Verfügung stellen. Innerhalb des Rheinischen Reviers haben wir gute Möglichkeiten, uns stark und systemisch zu vernetzen, um nachhaltige lokale Wertschöpfungsketten aufzubauen.

Shell zählt schon heute zu den Partnern von BioökonomieREVIER. Was erhoffen Sie sich konkret von der Zusammenarbeit?

Gerade in der Bioökonomie ist es wichtig, nicht nur global zu schauen, sondern zu prüfen, wie wir auch vor Ort gemeinsam zukunftsfähige Projekte anpacken können. Deswegen steht die Vernetzung über die gesamte Bandbreite möglicher Wertschöpfungsketten bei uns im Fokus – von lokalen Biogasanlagen bis hin zum Plastik-Recycling für Energie- und Chemielösungen, für die wir auch lokale Partner brauchen.

Welche biogenen Rohstoffe und Verfahren sind für Shell besonders interessant?

Wir schauen uns derzeit insbesondere zwei Anwendungsbereiche an. Das eine ist die Verarbeitung von biogenen Ölen bei der Produktion von zum Beispiel Diesel oder Kraftstoffen für die Luftfahrt, also für Anwendungen, die besonders schwer zu dekarbonisieren sind. Das wollen wir in eine vollständig bio-basierte Lösung überführen. Ein Beispiel hierfür ist eine bei uns geplante Bio-PtL-Anlage, in der wir Holzabfälle in Treibstoff umwandeln wollen. Es gibt aber auch Überlegungen, zum Beispiel gebrauchte Speiseöle einzusetzen. Die Palette an marktreifen Plänen ist groß und Sie werden künftig viel von uns hören.

Wie könnten für Shell interessante regionale Stoffströme zukünftig aussehen?

Das herauszufinden, ist gerade unsere Hausaufgabe. Sie verstehen sicherlich, dass wir uns dabei nicht nur aufs Rheinische Revier konzentrieren, sondern global verschiedene Möglichkeiten testen. Aber ganz ausdrücklich wollen wir das weltweite Angebot um lokale Ströme komplementieren, sofern das sinnvoll ist, der Einsatz fraglicher Stoffe wie Palmöl ausgeschlossen wird und wir nicht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion geraten.

Was muss passieren, damit diese Vision Realität wird?

So visionär ist das gar nicht. Wir haben schon konkrete Pläne. Allerdings benötigen wir für Investitionen die richtigen Rahmenbedingungen. Von Politik und Verwaltung erwarten wir Planungssicherheit. Sehr wichtig ist uns auch die Akzeptanz in der Gesellschaft für Bioprodukte, die nicht in Konkurrenz zur Nahrungskette stehen. Und um die ganze Wahrheit zu erzählen, kommen wir nicht ohne Fördermittel aus. Bei neuen Anlagen muss man leider erst viel lernen, bis sich etwas ökonomisch rechnet.

Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Wie wird die Energieversorgung im Rheinischen Revier im Jahr 2050 aussehen? Und welche Rolle werden die Bioökonomie und Shell dabei spielen?

Fossile Energieträger haben 2050 als Energieträger ausgedient. Wir bieten stattdessen eine Vielzahl an innovativen Energielösungen an, denn der Stromverbrauch ist gewaltig gestiegen. Erneuerbarer Strom aus Wind- und Sonnenkraft, biogene Energieträger und Wasserstoff, aber auch Kreislaufsysteme bilden das neue Fundament für Energieversorgung und Wohlstand im Rheinischen Revier. Wir von Shell bereiten uns bereits darauf vor, in dem wir uns an Offshore-Windanlagen beteiligen, grünen Wasserstoff selbst produzieren, Infrastruktur aufbauen, biogene Anlagen planen und errichten und sogar im Bereich Solar-Anwendungen für zuhause und Stromtankstellen an Straßenlaternen Kompetenzen aufbauen. Gemeinsam mit Partnern im Rheinischen Revier haben wir 2050 viele neue grüne Arbeitsplätze geschaffen und in einem nicht immer einfachen Wandel das Rheinische Revier zu einer Region gemacht, in der es sich sehr gut leben lässt.

 

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