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30.07.2026

Für die Bioökonomie bringt Denise Gider Europas Regionen zusammen

Dr. Denise Gider hält eine Vortrag auf einer Veranstaltung. Sie steht vor einem Sprechpult mit Mikrofon und Laptop. Sie trägt eine dunkelrote Bluse und ein schwarzes Jackett. © BioökonomieREVIER

Dr. Denise Gider ist Koordinatorin des EU-Projekts BIO2REG bei BioökonomieREVIER. Die Ernährungsökonomin mit Promotion in Agrarwissenschaften beschäftigt sich mit der Frage, wie Bioökonomie in Regionen konkret umgesetzt werden kann. Im europäischen Projekt BIO2REG bringt sie Partner aus acht Ländern zusammen und unterstützt Regionen dabei, voneinander zu lernen. So entstehen europäische und gleichzeitig regional geprägte Lösungen für eine nachhaltige Transformation. Sie trägt dazu bei, Bioökonomie im Rheinischen Revier und darüber hinaus in Europa voranzubringen. 

Wie bist du zu BioökonomieREVIER gekommen?
Denise Gider: Ursprünglich komme ich aus der Ernährungsökonomie und den ökologischen Agrarwissenschaften. Mein Schwerpunkt lag auf nachhaltigen Ernährungs- und Agrarsystemen. Mich hat von Beginn an besonders interessiert, wie nachhaltige Lösungen nicht nur als Idee mitgedacht, sondern in der Praxis umgesetzt werden: entlang von Wertschöpfungsketten, in Unternehmen oder im Alltag der Menschen.

Durch meine bisherigen Stationen in Forschung, Innovationsförderung und Projektumsetzung habe ich Erfahrung an Schnittstellen zwischen nachhaltigen Ernährungs- und Agrarsystemen, Märkten, Innovations- und Transformationsprozessen gesammelt. Dabei interessierte mich zunehmend, wie Akteur:innen aus z. B. Wirtschaft, Forschung und Verwaltung gemeinsam innovative, nachhaltige Produkte und Lösungen entwickeln und in die Praxis bringen können.
Das passte gut zur Koordinierungsstelle BioökonomieREVIER, weil hier die konkrete Umsetzung im Mittelpunkt steht.

Was motiviert dich?
Gider: Mich motiviert besonders, wenn Veränderung sichtbar wird. Im Bereich Nachhaltigkeit wird viel über Strategien, Ziele und Visionen gesprochen, leider seltener darüber, wie daraus erfolgreiche Maßnahmen und Verbesserungen in Regionen, Unternehmen oder entlang der Wertschöpfungskette entstehen können.

Nachhaltige Veränderungen durch die Zusammenarbeit mit verschiedenen Akteur:innen sind nicht nur ein abstraktes Zukunftsthema, sondern wir tragen im Hier und Jetzt etwas dazu bei. Natürlich ist der Aufbau von regionalen Bioökonomie-Strukturen oder die Einführung innovativer Materialien oder Prozesse keine einfachen Aufgaben. Genau das finde ich spannend: Gemeinsam Lösungen zu entwickeln und diese sichtbar zu machen.

Du koordinierst das EU-Projekt BIO2REG – was genau macht dieses Projekt aus?
Gider: BIO2REG ist ein Projekt, in dem europaweit neun Partner in acht Ländern daran arbeiten, wie Bioökonomie in treibhausgasintensiven Regionen konkret umgesetzt werden kann.

Unsere Partner sind zum Beispiel durch Landwirtschaft, Fischerei oder die holzverarbeitende Industrie geprägt. Wir haben ein breites Verständnis von Bioökonomie: von regionalen Wertschöpfungsketten und Reallaboren bis hin zur Bildung, gesellschaftlicher Teilhabe und der Frage, wie verschiedene Akteur:innnen gemeinsam Transformation gestalten und finanzieren können. Wir zeigen, dass Bioökonomie nicht nur ein Technologiethema ist, sondern durch die Zusammenarbeit von regionalen Behörden, Landwirtschaft, Industrie und Forschung konkret wird.
Im Projekt sammeln wir Erfahrungen aus erfolgreichen Regionen, fördern den Austausch über unser Netzwerk, und bieten Formate wie Webinare, Leitfäden und Austauschprogramme an.

Du bist Koordinatorin des Gesamtprojekts – was genau ist deine Aufgabe?
Gider: Ich halte das Gesamtprojekt zusammen. Meine Aufgabe ist es die Zusammenarbeit der Partner zu koordinieren, Aktivitäten, Ergebnisse und Fristen im Blick zu behalten und sicherzustellen.

Darüber hinaus muss ich bereit sein, Pläne anzupassen und Lösungen zu finden, wenn etwas mal nicht so läuft wie gedacht. Schlussendlich übernehme ich auch die Abstimmung mit dem Projektträger der Europäischen Kommission.

Gleichzeitig bringe ich die praktischen Erfahrungen aus der Koordinierungsstelle BioökonomieREVIER aus den letzten Jahren mit ein.
Was waren Herausforderungen, und wie haben wir sie gelöst? Was waren erfolgreiche Instrumente und Formate? Und ich bringe auch Perspektiven und erfolgreiche Beispiele von anderen Transformations-Akteur:innen aus dem Rheinischen Revier mit ein.

Aus der Vogelperspektive legen fünf Personen unterschiedlicher Hautfarben ihre Hände übereinander in die Mitte eines Besprechungstisches. Um sie herum liegen Dokumente, ein Notizbuch und ein Tablet. Die Personen tragen überwiegend helle Business-Kleidung. Das Bild symbolisiert Zusammenarbeit, Teamgeist und gemeinsames Engagement.
©pexels

„Es läuft nicht immer alles nach Plan"

Welche Fähigkeiten oder Eigenschaften brauchst du in deinem Job am meisten?
Gider:
Resilienz ist eine entscheidende Kerneigenschaft, weil viele Themen und Prozesse in solch komplexen Projekten parallel laufen. Es ist wichtig, strukturiert zu sein und dranzubleiben. Gleichzeitig muss ich flexibel sein. Denn es läuft natürlich nicht immer alles nach Plan. Eine verbindliche und klare Kommunikation ist auch notwendig.

In BIO2REG sehen wir uns teilweise untereinander nur ein- oder zweimal im Jahr persönlich. Daher müssen wir Herausforderungen und Risiken frühzeitig erkennen, gemeinsam pragmatische Lösungen finden und unter engen Zeitplänen handlungsfähig bleiben – insbesondere, weil viele Beteiligte gleichzeitig noch weitere Projekte und Aufgaben managen. Daher brauche ich neben meinem fachlichen Verständnis vor allem Projektmanagement- und Kommunikationsfähigkeiten sowie die Fähigkeit, komplexe Prozesse pragmatisch zu strukturieren und voranzubringen.

Wo liegen deine fachlichen Schwerpunkte?
Gider:
Mein fachlicher Hintergrund liegt in nachhaltigen Ernährungs- und Agrarsystemen. Im Laufe der Zeit hat sich der Fokus zur Frage verschoben, wie Bioökonomie auf regionaler Ebene konkret umgesetzt werden kann. Ich beschäftige mich heute damit, wie aus regionalen Zielsetzungen und Bedingungen, Förderansätzen und Akteurs-Zusammensetzungen konkrete Bioökonomie-Projekte, Kooperationen und Veränderungen vor Ort entstehen können.

Wer kann sich an dich wenden?
Gider: 
Ich bin auf jeden Fall die richtige Ansprechpartnerin, wenn es um die europäischen Perspektiven auf Bioökonomie und regionale Transformation geht. Also zum Beispiel: Welche Regionen arbeiten bereits erfolgreich an bestimmten Bioökonomieansätzen und -strukturen? Welche Erfahrungen oder Herausforderungen gab es und welche Lösungen wurden gefunden? Welche europaweiten Bioökonomie-Netzwerke gibt es und welche weiteren Möglichkeiten zum Austausch und zur Zusammenarbeit gibt es?

Was können unsere Partner von dir erwarten, wenn ihr zusammenarbeitet?
Gider: 
Den Überblick über das Gesamtprojekt von BIO2REG zu behalten und gleichzeitig konkrete Umsetzungsschritte mitzugestalten. Das heißt, gemeinsam mit interessierten Regionen Aktionspläne zu entwickeln, wie Bioökonomie in ihren Regionen umgesetzt werden kann. Das beinhaltet, Projekte und Prozesse zu strukturieren, Prioritäten zu setzen oder pragmatische Lösungen zu finden, wenn etwas nicht läuft wie geplant.

Ich unterstütze die Projektpartner aber auch bei ganz praktischen Themen, zum Beispiel dabei, Maßnahmen aufzusetzen und zu strukturieren, Ergebnisse aufzubereiten oder bei administrativen Aufgaben. So schaffen wir in BIO2REG mit vielen kleinen Aktivitäten von vielen Partnern Blaupausen, wie Bioökonomie Transformation in europäischen Regionen gelingen kann. Das passiert aber nie allein, sondern nur die engagierte, enge und stetige Zusammenarbeit mit den Projektpartnern und den unterstützten Regionen.

Aus der Vogelperspektive legen fünf Personen unterschiedlicher Hautfarben ihre Hände übereinander in die Mitte eines Besprechungstisches. Um sie herum liegen Dokumente, ein Notizbuch und ein Tablet. Die Personen tragen überwiegend helle Business-Kleidung. Das Bild symbolisiert Zusammenarbeit, Teamgeist und gemeinsames Engagement.
©pexels

Bioökonomie muss sichtbar und erlebbar werden

Was ist das Besondere am BioökonomieREVIER-Team?
Gider:
Erst einmal ist es ein großes Privileg, hier im Rheinischen Revier mit BioökonomieREVIER ein solch einzigartige und starke Struktur zu haben. Wenn ich in andere Regionen schaue, dann gibt es zwar hier und dort einzelne thematisch ähnliche Zusammenschlüsse oder Stellen. Eine solche Initiative, in der so viele Menschen gemeinsam und interdisziplinär an Bioökonomie und regionaler Transformation mit Praxispartnern arbeiten, ist selten. Und wir sind ja auch nur eine von vielen erfolgreichen Bioökonomie-Initiativen hier im Rheinischen Revier. Gleichzeitig bringt das die Verantwortung mit sich, zu zeigen, wie Bioökonomie über Konzepte hinaus konkrete Wirkung für Regionen, die Wertschöpfung und nachhaltige Entwicklung entfalten kann.

Was das Team besonders macht, ist die Mischung aus unterschiedlichen Fachrichtungen und Praxiserfahrung. Viele bringen verschiedene Rollen, Fachexpertise und Netzwerke mit. Es geht nicht nur darum, Technologien weiterzuentwickeln, sondern gemeinsam mit der Praxis Lösungen zu fördern, die das Rheinische Revier langfristig stärkt, durch z.B. neue Wertschöpfung, zukunftsfähige Arbeitsplätze oder umweltfreundlichere und gleichzeitig wirtschaftlich tragfähige Prozesse. Ich glaube, viele im Team vereint eine echte intrinsische Motivation und der Wunsch, hier etwas mit aufzubauen und sichtbar zu verändern.

Was macht dir an deinem Job am meisten Spaß?
Gider: Mir persönlich macht es besonders Spaß, mich von anderen Bioökonomie-Begeisterten inspirieren zu lassen. Dadurch lerne ich neue Perspektiven und Ansätze kennen und erlebe, wie aus zunächst vielleicht etwas verrückten Ideen konkrete Veränderungen in Regionen entstehen.

Am spannendsten finde ich den Austausch mit anderen europäischen Regionen. Jede Region geht mit Transformation anders um und bringt eigene Herausforderungen, Strukturen und Lösungen mit. Besonders interessant finde ich zu sehen, wie andere Regionen unterschiedliche Akteur:innen zusammenbringen, ungewöhnliche Kooperationen aufbauen und so sehr unterschiedliche Partner langfristig an gemeinsamen Projekten beteiligen.

Was ist deine große Hoffnung für die Modellregion Bioökonomie im Rheinischen Revier?
Gider: Ich würde mir wünschen, dass Bioökonomie nicht nur als einzelnes Projekt oder Förderthema wahrgenommen wird, sondern für mehr Menschen sichtbar und erlebbar wird. Dass sie als echte Chance gesehen wird, für neue Wertschöpfung, zukunftsfähige Arbeitsplätze und eine lebenswerte Region. Meine Hoffnung ist es, dass aus unseren Aktivitäten langfristig Strukturen und Kooperationen entstehen, die über einzelne Förderperioden hinaus Wirkung haben.

Welche Entwicklungen wünscht du dir für die nächsten fünf Jahre – und welche Bedingungen müssen dafür erfüllt sein?
Gider: Ich würde mir wünschen, dass wir in den nächsten Jahren konkret sichtbar machen können, dass die Dinge, die wir heute mitanstoßen, langfristig ihre Wirkung entfalten. Zum Beispiel, dass sich aus Startups stabile Unternehmen entwickeln. Außerdem können wir dazu beitragen, Arbeitsplätze in traditionellen Unternehmen zu erhalten oder neue entstehen zu lassen. Dass sich neue Unternehmen ansiedeln und dass aus Projekten langfristig konkrete Geschäftsmodelle entstehen. Mir ist wichtig zu betonen, dass Erfolg nicht bedeutet, dass ein Projekt formal und administrativ abgeschlossen ist, sondern dass Veränderung sichtbar und spürbar wird, etwa durch nachhaltigere Prozesse oder wirtschaftliche oder gesellschaftliche Mehrwerte.

Das Interview führte Eva Johanna Onkels. 

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