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09.04.2026

Theodosia Kourkoutsaki entwickelt neue Wege für Materialien aus dem Rheinischen Revier

Dr.-Ing. Theodosia Kourkoutsaki steht in einem hellen Raum vor einem Fenster und blickt direkt in die Kamera. Sie hat kurze, leicht lockige dunkle Haare, trägt eine runde Brille und lächelt freundlich. Ihr roter Rollkragenpullover hebt sich vom neutralen Hintergrund ab. Seitliches Tageslicht beleuchtet ihr Gesicht weich. Im unscharfen Hintergrund ist eine grüne Zimmerpflanze zu sehen. ©BioökonomieREVIER/Eva Johanna Onkels

Dr.-Ing. Theodosia Kourkoutsaki (43), BioökonomieREVIER-Transformationsmanagerin für Wirtschaft, ist spezialisiert auf Naturfasern und Faserverbundwerkstoffe. Geboren und aufgewachsen in Athen, führte sie ihr Weg über ein Masterstudium in England, Arbeitsstellen in München und in den Niederlanden schließlich nach Aachen. Heute bringt die Physikerin ihre internationale Erfahrung in die Transformation des Rheinischen Reviers ein und vernetzt Akteure entlang neuer bioökonomischer Wertschöpfungsketten.

Wie bist du zu BioökonomieREVIER gekommen?
Theodosia Kourkoutsaki: Das war ein langer Weg. Ich habe angewandte Physik in Griechenland studiert, und bin dann in der Werkstoffkunde gelandet. Bevor ich hier ins Rheinische Revier kam, habe ich unter anderem in England studiert und in München gelebt. 2018 sind wir nach Aachen gezogen. Kurz vor der Corona-Pandemie hatte ich eine Sinneskrise. Ich bin mir der gesundheitlichen Effekte von Mikroplastik für Menschen und das Ökosystem mehr und mehr bewusst geworden. Mich hat das so berührt, dass ich bewusst den Ausstieg aus der petrochemischen Produktentwicklung gesucht habe. Deshalb habe ich die Chance genutzt, als Post-Doc eine Plattform für nachhaltige Faserverbundwerkstoffe am Institut für Textiltechnik der RWTH (ITA) zu etablieren. Darüber habe ich eine Vielfalt an neuen Themen kennengelernt.

Mit BioökonomieREVIER bin ich das erste Mal in Kontakt gekommen durch eine Kooperation des ITA mit dem Institut für Pflanzenwissenschaften am Forschungszentrum Jülich. Damals ging es um die Schnittstelle zwischen der Landwirtschaft, Bodenverbesserung und modernen Textilien. Das Forschungszentrum Jülich hat mich immer gereizt – es verbindet exzellente Forschung mit einer spannenden Location.

Was genau macht eine Transformationsmanagerin?
Kourkoutsaki: Ich erkenne Chancen, die entlang neuer Wertschöpfungsketten für Biorohstoffe wachsen können, und vernetze die dazu passenden Akteure. Gleichzeitig behalte ich auch die Lücken im Auge, die in den Prozessen entstehen, und versuche, sie zu schließen. Mein Ziel ist, dabei zu helfen, Produkte marktreifer werden zu lassen. Dafür sind Fasern und Textilien eine wirklich gute Option. Denn für sie gibt es immer Marktlücken.

Wo liegen deine fachlichen Schwerpunkte?
Kourkoutsaki: Fachlich liegt mein Fokus auf der Prozessentwicklung für Werkstoffe aus Biomasse. Darunter fällt zum Beispiel, Naturfasern zu wertvollen neuen Produkten zu verarbeiten. Ich konzentriere mich darauf, wie sich aus Pflanzen hochwertige Wertschöpfung erzielen und entsprechende Ketten schließen lassen. Das umfasst sehr viele einzelne Elemente, vom Bau neuer Maschinen bis hin zu Marktstudien. Ab dem Punkt, wo ein Produkt relevant für die Kommerzialisierung erscheint, ist mein Job getan. Dann ist es an den Unternehmen, die Skalierung zu übernehmen.

Als Physikerin bin ich darüber hinaus sehr gut darin, die Sprachen dieser unterschiedlichen Welten zu verstehen, sie zu übersetzen und sie so zusammenzubringen. Darüber hinaus finde ich es sehr spannend, meine methodischen Kompetenzen in anderen Bereichen zu nutzen, zum Beispiel bei Fragen der Ernährung. Durch eine private Einschränkung habe ich dafür eine richtige Passion entwickelt.

Wer kann sich an dich wenden?
Kourkoutsaki: Ich bin ein Ansprechpartnerin für alle Firmen, KMUs oder Start-ups, die etwas mit Biorohstoffen machen oder ihre eigenen Produktionen wandeln wollen, aber nicht wissen, wo sie anfangen können.

Was können unsere Partner von dir erwarten?
Kourkoutsaki: Die Probleme ganzheitlich zu sehen und zu analysieren und die großen Herausforderungen zu identifizieren. Ich fokussiere mich auf die Themen, die den größten Benefit für das Produkt und das Einkommen der Firma haben. Auf Basis meiner Expertise bringe ich die passenden Leute zusammen, damit diese gemeinsam weiterdenken können. Mir ist daran gelegen, zu unseren Partnern Vertrauen aufzubauen, um wirksame Innovationskooperationen zu entwickeln und Wissensgrundlagen geschickt zu nutzen.

Abstrakte Nahaufnahme schimmernder, transparenter Strukturen, die an Seifenblasen oder flüssiges Glas erinnern. Organisch geformte, miteinander verbundene Blasen bilden ein netzartiges Muster. Die Farben reichen von Türkis und Grün bis zu warmen Braun- und Beigetönen im Hintergrund. Lichtreflexe und weiche Unschärfen erzeugen Tiefe und eine fast mikroskopische, fließende Anmutung.
©pixabay

„Ich muss in der Lage sein, Vertrauen aufzubauen und so stabile Umgebungen für alle Beteiligten zu schaffen”

Welche Fähigkeiten oder Eigenschaften brauchst du in deinem Job am meisten?
Kourkoutsaki:
Ich benötige fundierte Kenntnisse darüber, wie ein Produkt entwickelt wird. In unserem Umfeld gehört dazu, dass ich die Eigenschaften von den neuen Naturrohstoffen kenne, die uns zur Verfügung stehen, und welche Vorteile sie im Gegensatz zu etablierten Produkten bringen. Ich muss auch wissen, wie die bestehenden Lieferketten aussehen und wie groß der Marktbedarf ist. Außerdem brauche ich ein gutes Netzwerk und hohe Vertrauenswürdigkeit. Und zu guter Letzt analytisches Denken. Ich muss die Kleinigkeiten erkennen können, an denen ein Projekt scheitern kann – und ich muss den Mut haben, deutlich zu machen, wenn eine Idee oder ein Konzept keine wirtschaftliche Grundlage hat.

Was treibt dich an, was motiviert dich?
Kourkoutsaki: Ich habe viele Jahre für die petrochemische Industrie gearbeitet, im Bereich der Hochleistungsmaterialien. Mit der Zeit habe ich realisiert, dass wir nicht so große Mengen an Hochleistungsmaterialien in der Welt brauchen. Wir benötigen Materialien, die ihren Zweck erfüllen und gleichzeitig die Gesundheit von Menschen nicht schädigen. Wir produzieren viel zu viel Plastik und Hochleistungsfaserverbundwerkstoffe für Produkte, die gar nicht davon profitieren, wir overdesignen. Ich bin überzeugt, dass wir eine große Menge dieser Werkstoffe schon durch natürliche Produkte ersetzen können – diese schonen die Ressourcen, die Umwelt und die Gesundheit der Menschen. 


Was ist das Besondere am BioökonomieREVIER-Team?
Kourkoutsaki: Vor allem die Multidisziplinarität. Wir sind auf fachlicher Ebene sehr breit aufgestellt, haben Ingenieure, Physiker, Biotechnologen und Geografen, aber auch Psychologen und Menschen aus der Kommunikation, die unsere Arbeit begleiten. Das finde ich hoch relevant für eine Transformation, die nicht nur neue Produkte und Märkte entwickeln und erschließen soll, sondern auch Thematiken wie Bildung oder Regionalmanagement mitdenken möchte. 

Was macht dir an deinem Job am meisten Spaß? 
Kourkoutsaki: Transformationsprozesse mitzugestalten, an dessen Ende ein bioökonomisch geprägtes Produkt aus dem Rheinischen Revier steht. Ich will am Ende solcher Prozesse mindestens ein Produkt auch tatsächlich in den Händen halten, welches das Label „Made im Rheinischen Revier“ trägt. 

 

Blick über den Blausteinsee in Eschweiler an einem sonnigen Tag. Links liegen mehrere kleine Segelboote an einem Steg, dahinter ein grüner Uferstreifen mit Bäumen. Das Wasser ist leicht gekräuselt und spiegelt das helle Licht. Am Horizont sind Windräder zu erkennen. Darüber spannt sich ein weiter blauer Himmel mit lockeren weißen Wolken.
©Forschungszentrum Jülich/BioökonomieREVIER/Sascha Kreklau

„Das Rheinische Revier wird nicht dieselbe Region sein, die es heute ist."

Was ist deine große Hoffnung für die Modellregion Bioökonomie im Rheinischen Revier?
Kourkoutsaki:
Ich hoffe, dass die Bioökonomie hier Fahrt aufnimmt und wirklich einen großen Markt und eine große Chance erschließt. Dabei geht es um Arbeitsstellen, aber auch um die Verbesserung von Lebensqualität und Umwelt. Mir ist das auch für unsere Kinder wichtig. Sie sollen nicht in einer Region wohnen, die verlassen wird oder ausschließlich vom Tourismus lebt. Die Bioökonomie kann da eine echte Chance sein. Das Rheinische Revier wird nicht dieselbe Region sein, die es heute ist – sondern viel besser! Die Menschen sollen sich sagen: „Ich will unbedingt in Merzenich wohnen, weil es dort richtig gute Arbeitsplätze, coole Leute und einen modernen Lebensraum gibt.”

Welche Veränderungen wünschst du dir in den nächsten fünf Jahren für die Region oder Branche?
Kourkoutsaki: Ich wünsche mir, dass die Unternehmer das Thema Ressourcenknappheit stärker mitdenken, es besser verstehen und in ihr Wirtschaften integrieren. Ich wünsche mir, dass Unternehmen Lösungen für diese Knappheit suchen und dabei das erwähnte Overdesign-Thema angehen. Das heißt, zu schauen: Wie kann ich ein tragfähiges Ergebnis mit weniger etablierten Rohstoffen erzielen, die natürlich sind und weniger umweltbelastend? Da sehe ich besonders meine Branche, Faserverbundwerkstoffe, Textilprodukte, Baustoffe, Möbel, in der Verantwortung. Bei einem der letzten Events bei einem ehemaligen Arbeitgeber hieß es, dass man immer internationale Lieferketten braucht. Ich würde das hinterfragen. Braucht man wirklich in jedem Produkt internationale Lieferketten oder können wir nicht auf lokale und regionale Lieferketten setzen? In diese Richtung muss mehr gedacht werden.

Was muss erfüllt sein, damit wir unser Ziel erreichen?
Kourkoutsaki: Zunächst einmal muss man mutig sein, bereit sein, seine Komfortzone zu verlassen. Dann brauchen wir mehr Kooperation zwischen den unterschiedlichen Unternehmen. Dazu gehört auch, dass wir die Probleme offener ansprechen, damit man sie besser angehen kann – auf allen Ebenen. Es macht es auch einfacher: Wir können Ressourcen teilen, wie zum Beispiel große Maschinen. So teilen wir auch Kosten und man geht zu Anfang weniger Risiken ein, wenn neue Geschäftsfelder erschlossen werden. Darin liegt eine riesige Chance für das Rheinische Revier.

Das Interview führte Eva Johanna Onkels. 

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