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16.11.2020

Partizipation: Dialoge mit Mundschutz - oder doch lieber Online?

alt © KWI

Bürger und Bürgerinnen in Beteiligungsprozesse einbinden und Dialoge führen – geht das in Zeiten der Covid19-Pandemie? Von den Lockdowns im März und im November sowie den geltenden Verhaltensregeln sind auch wir als Organisierende und Forschende innerhalb des Forschungsbereichs PartizipationsKultur am Kulturwissenschaftlichen Institut (KWI) in Essen betroffen. Das Land scheint sich in Schockstarre zu befinden und Kontakte jeglicher Art werden schlagartig als eine gesundheitliche Gefährdung angesehen. Aber persönliche Gespräche und Dialoge vis-á-vis stellen den Kern einer Beteiligungskultur dar.

Auf Abstand bleiben und Distanz halten zu Menschen, die nicht zum eigenen Haushalt gehören: Dies alles steht im starken Widerspruch zu einem partizipativen Ansatz, der auf analoge Beteiligung setzt.

Hier führen Menschen Gespräche, stecken die Köpfe zusammen, um einen Planungsentwurf auf einer Karte zu kommentieren. Auch treffen zumeist viele unbekannte Menschen aufeinander. Beteiligung lebt vom sozialen Miteinander, dem Vertrauen, das sich bildet und auch dem Streiten und dem Sich-Einigen-Können.

Wir als Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus der Partizipationskultur entwickeln, erproben und analysieren dialogorientierte Bürgerbeteiligungsformate. In einer Umfrage des Berlin Institutes für Partizipation (bipar) im April 2020 zeigte sich, dass nahezu alle dialogischen Verfahren durch die Pandemie unterbrochen wurden. Eine rein digitale Beteiligung für die betroffenen Verfahren war zu diesem Zeitpunkt nicht denkbar. Eine Weiterführung der analogen Beteiligungsverfahren fand in der digitalen Form spontan nicht statt. Da stellt sich die Frage: Wie geht Bürgerbeteiligung unter Corona-Bedingungen?


Die aktuellen Verhaltensregeln minimieren den sozialen Kontakt, weil alle Menschen vorsichtiger geworden sind. Als im Sommer endlich wieder Gruppen zusammenkommen durften, wurde strengstens auf einen Abstand von mind. 1,50 m geachtet. In geschlossenen Räumen sollte ein Mund-Nasen-Schutz getragen werden. Es war absehbar, dass ab dem Herbst nur noch bedingt Zusammenkünfte erlaubt sein durften. Daher bleibt es noch eine Weile unklar, wann wir die geplanten Beteiligungsprozesse beginnen können.

Bis in das Jahr 2021 hinein, so scheint die Lage sich aktuell darzustellen, haben wir nur die Wahl zwischen Präsenz-Gesprächen in kleinen Gruppen mit Mund-Nasen-Schutz und der technischen Distanz, den digitalen Beteiligungsformaten. Digitale Formate können sicherlich partizipative Prozesse weiterführen und damit verstetigen. Aber wird das genügen?


Sicher ist ein Gespräch mit Maske besser und sinnvoller als gar kein Gespräch. Das soziale Miteinander ist geprägt durch Gesichtsmimik, Körpersprache und emotionale Äußerungen. Freude, Zweifel, Trauer, Ironie – alles wird durch die Muskeln rund um Nase und Mund mit übermittelt. Eine nicht sichtbare Mimik beeinträchtigt die Kommunikation stark. Auch wird nicht immer alles aufgrund der geringeren Lautstärke verstanden. Es ist nicht unmöglich sich zu verstehen, wird aber anstrengender.


Die Alternative sind virtuelle Treffen und Gesprächsrunden. In der Theorie stellen die vom Raum gelösten Online-Beteiligungen eine gute Möglichkeit dar, die Prozesse weiterzuführen. So kennen sich heute – „nach einem drei Viertel Jahr Corona“ - viel mehr Menschen mit virtuellen Sitzungen aus, wissen was Zoom, BigBlueButtom etc. heißt und bewegen sich mehr oder weniger munter zwischen Chats, Breakout Sessions und geteilten Bildschirmen hin und her.


Allerdings weisen virtuelle Veranstaltungen spezielle Herausforderungen auf. So kann die fehlende digitale Ausstattung und Infrastruktur sowie ggf. auch Übung mancher Akteure und Akteurinnen die Teilnahme an diesen Veranstaltungen komplett verhindern oder erschweren. Auch finden die Teilnehmenden kaum eine Möglichkeit, neben dem Hauptgeschehen persönliche oder informelle Gespräche zu führen. Einerseits ist es von Vorteil, sich eine oft weite und teilweise kostenintensive Anreise zu sparen und mehr Gespräche in eine (Arbeits-)Woche legen zu können. Allerdings führt dieser Effekt unweigerlich zu einer größeren Anzahl an (virtuellen) Gesprächen und Veranstaltungen als zur „Vor-Corona-Zeit“. Diese Überbeanspruchung, Dichte und Dauer-Online-Teilnahme kann auch zu Überdruss führen.

Aufgrund des Ansteckungsrisikos und der erschwerten Kommunikation haben wir uns entschlossen, im Winter keine analogen Veranstaltungen zu organisieren. Wir planen analoge Bürgerbeteiligungsformate für das Rheinische Revier ab dem Frühjahr 2021. Für ein Mindestmaß an Beteiligung über den Winter ist eine Online-Plattform in Arbeit. Diese wird voraussichtlich im Dezember an den Start gehen.

 

Autorin: Ute Goerke

Partizipation am KWI in Essen

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