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05.05.2026

Die Bioökonomie im Kopf – Carolin Geismann qualifiziert Fachkräfte für den Wandel

Porträt und Materialaufnahme in einem Bild: Rechts lächelt Carolin Geismann mit langen braunen Haaren und Brille in die Kamera, sie trägt einen beigen Pullover und eine pinke Jacke. Links sind gestapelte, geriffelte Bauplatten aus Holz- oder Verbundmaterial zu sehen, darauf liegen Schrauben und Befestigungsteile. Im Hintergrund unscharfe Gebäudestrukturen bei warmem Licht. ©BioökonomieREVIER/Eva Johanna Onkels/pixabay

Carolin Geismann (33) ist Transformationsmanagerin für Bildung bei BioökonomieREVIER. Die studierte Psychologin entwickelt Qualifizierungsangebote für Fachkräfte und Auszubildende im Bereich der biobasierten Wirtschaft. Zuvor arbeitete sie in der Unternehmensberatung. Ihre Erfahrung bringt sie heute ein, um Bildungsformate im Bereich der Bioökonomie zu entwickeln. So trägt sie dazu bei, diese Form des Wirtschaftens im Rheinischen Revier greifbar und anwendbar zu machen.

Wie bist du zu BioökonomieREVIER gekommen?
Ich habe vorher in einer Unternehmensberatung gearbeitet, mit dem Fokus auf Unternehmenstransformationen, Teamcoaching und Führungskräfteentwicklung. Die Erfahrungen, die ich während dieser Zeit gesammelt habe, wollte ich schließlich auf ein regionales Thema anwenden und habe deshalb begonnen, mich mit dem Strukturwandel zu beschäftigen. In diesem Zuge habe ich die Ausschreibung von BioökonomieREVIER gesehen. Das passte einfach gut zu dem, was ich mir vorgestellt hatte.

Du bist im BioökonomieREVIER-Team Transformationsmanagerin für die Bildung. Was genau heißt das? Wie definierst du deine Rolle?
Meine Themen sind Qualifizierung und Bildung. Meine Zielgruppen sind nicht Schülerinnen und Schüler oder Studierende, sondern Azubis und alles, was danach kommt. Also Menschen, die im Berufsleben stehen und nicht aus einem akademischen Umfeld stammen. Mein Job ist es, zu schauen, welche Berufsfelder vom Wandel zur biobasierten Wirtschaft betroffen sind, und zu analysieren: Was fehlt an Wissen und Fähigkeiten in den einzelnen Jobs, und dazu dann Angebote zu entwickeln. Dazu müssen wir aber in der Tat erst einmal herausfinden, wie die Bedarfe sind – und das ist schon eine große Aufgabe.

Wie machst du das konkret?
Aktuell geht es mir daher darum, herauszufinden, wer die richtigen Kooperationspartner sind und welche Branche echtes Interesse hat, etwas zusammen zu entwickeln. Denn sonst gibt es einfach zu viele Bereiche. Ganz konkret spreche ich zum Beispiel gerade mit den Ausbildungsleitern für Mechanik-Berufe hier am Forschungszentrum Jülich. Für deren Azubis arbeite ich gerade an einer Online-Schulung zum Thema Bioökonomie und biobasierte Werkstoffe sowie Arbeitsmittel. Außerdem entwickeln wir gerade eine Weiterbildung zum Agroforsthelfer und sind auch am Thema nachhaltiges Bauen dran. Es sind aber natürlich auch andere Formate denkbar. Ein Kooperationspartner kam sogar schon auf die Idee, mit unserer Hilfe eine neue, dreijährige Ausbildung zu schaffen. Das ist natürlich ein viel weiterer Horizont und deutlich größer als eine Stunde Online-Workshop mit Praxisteil.

Leitest du die Workshops selbst, oder gibst du das Inhaltliche ab an jemand anderen?
Das kommt am Ende auf das genaue Format an. Natürlich arbeite ich immer mit Experten zusammen, für Befragungen oder Recherchen. Bei den Mechanik-Azubis arbeite ich zusammen mit deren Werkstattleitern. Die Inhalte stelle ich jedoch selbst zusammen. Beim Thema nachhaltiges Bauen wollen wir mit einem externen Experten zusammenarbeiten. Der könnte seine Inhalte dann selbst vorstellen – was natürlich ein Qualitätsgewinn ist.

Du sprachst von unterschiedlichen Formaten. Welche kämen denn noch in Frage?
Wir arbeiten gerade an einem neuen Exponat, einem Wimmelbild. Auf diesem Bild stellen wir unterschiedliche Aspekte der Bioökonomie dar. Groß und Klein kann sich das Bild dann anschauen und selbst entdecken, welche Ansätze es gibt. Dazu braucht es nicht einmal jemanden, der alles erklärt. Das Spannende daran ist: Wir erzählen auf dem Bild fortlaufende Geschichten. Personen, Gerätschaften, Produkte werden mehrfach und in unterschiedlichen Stadien gezeigt, so dass am Ende ein echter Kreislauf zu erkennen sein wird. Das Bild richtet sich dabei an Menschen, die bisher gar nichts bis wenig mit der Bioökonomie zu tun hatten. Daher muss es leicht verständlich, aber auch korrekt sein – eine echte Herausforderung.

Wer kann sich an dich wenden?
Aktuell spreche ich vor allem gezielt potenzielle Kooperationspartner an. Gleichzeitig bin ich offen für alle, die sich mit Fragen rund um das Thema Bildung, Bioökonomie und Strukturwandel an mich wenden. Besonders interessiert mich, wie sich Berufe konkret verändern und wo sich daraus Ansätze für biobasierte Lösungen ergeben.

Eine gläserne Glühbirne hängt an einem Seil vor unscharfem grünem Hintergrund. Im Inneren befindet sich klare Flüssigkeit, in der sich grüne Pflanzenelemente spiegeln oder leicht bewegen. Das Licht bricht sich im Glas und erzeugt helle Reflexionen. Die Szene wirkt wie ein Symbol für nachhaltige Energie oder die Verbindung von Natur und Technologie.
©pixabay

Was bietest du konkret unseren Partnern, wenn sie sich zum Beispiel für ein Workshop-Konzept oder eine Ausbildung interessieren?
Vom Ansatz her arbeite ich ganz anders als unsere Transformationsmanager für die Wirtschaft. Ich biete keine Beratung zu Wertschöpfungsketten, neuen biobasierten Verfahren oder Unterstützung bei der Produktentwicklung. Für mich steht der Mensch im Zentrum und die Frage, wie ich ihn begeistern sowie ihm etwas beibringen kann. Dafür braucht es viel Kreativität und Freude am Erklären.

Operativ bin ich für unsere Kooperationspartner eine verlässliche Bank und gut darin, Bildungsprojekte zu managen und umzusetzen. Außerdem habe ich Spaß daran, mich tief in neue Themen einzuarbeiten und Bildungsansätze neu zu denken – richtig „Outside the box“. Dabei bin ich auch offen für Neues: Wenn jetzt jemand zu mir käme und eine Idee hätte, etwas mit Virtual Reality zu machen, wäre ich sofort dabei.

Welche Fähigkeiten oder Eigenschaften brauchst du in deinem Job am meisten?
Ganz klar die Motivation, etwas Neues zu schaffen, künstlerische Kreativität und die Fähigkeit, den Menschen zuzuhören. Dazu brauche ich die Bereitschaft, mich irgendwo einzuarbeiten, mich reinzufuchsen – auch, wenn ich mich mit dem Thema gar nicht auskenne. Manchmal benötigte ich dafür einen langen Atem. Wenn ich zum Beispiel dieses Online-Modul für Mechaniker zusammensetze, dann muss ich schauen: Was macht so ein Klima- und Kältetechniker eigentlich? Welche Produkte benutzt er? Welche ließen sich ersetzen? Das muss ich alles selbst recherchieren. Dafür muss ich mich auch mal einschließen und nur für mich arbeiten können – sonst klappt das nicht.

Was treibt dich persönlich an? 
Mich motiviert stark, dass wir hier an einer nachhaltigen Zukunft arbeiten. Wir denken drüber nach, welche Ressourcen wir regional verfügbar haben und wie wir diese besser, nachhaltiger und effizienter nutzen können. Manche Menschen gucken beim Thema Bioökonomie ja mehr in die Richtung Ökonomie und wie kann man das Ganze wirtschaftlich machen. Mir liegt aber besonders die Biodiversität am Herzen. Wie können wir Flächen, die wir haben, besser nutzen? In meinen Augen müssen wir auch da noch nachhaltiger denken: nicht für eine Bioraffinerie weitere Flächen versiegeln, sondern alte Anlagen geschickt neu nutzen.

Mein Ziel ist, dass unsere Kinder und Kindeskinder ebenfalls ein einigermaßen gutes Leben hier im Rheinischen Revier haben können – trotz all der Herausforderungen, die auf uns zukommen.
 
Was ist das Besondere am BioökonomieREVIER-Team?
Unsere Interdisziplinarität ist schon etwas sehr Besonderes. Wir haben ja wirklich eine ganz große Bandbreite von Fachleuten in unserem Team. Da kann man auf viel Expertise zurückgreifen.  

Was macht dir in deinem Job am meisten Spaß?
Ich glaube, am schönsten finde ich Aha-Momente, aus denen richtig etwas wird. Mit einem Partner haben wir zum Beispiel die Idee für eine Weiterbildung für Landwirtschaftshelfer zum Agroforsthelfer entwickelt. Bisher gibt es so etwas noch gar nicht. In der Weiterbildung würden die Teilnehmenden lernen, wie man ein Agroforst-System anlegt und sich dann auch darum kümmert. Wir sind der festen Überzeugung, dass es dafür in Zukunft einen Bedarf gibt.

Gleichzeitig macht es mir aber auch Freude, etwas zu entwickeln, was ich dann schnell vor mir sehe – zum Beispiel unser Online-Training. Da bin ich jetzt schon stolz drauf.

Blick auf einen ruhigen See bei Sonnenschein. Mehrere Segelboote liegen an einem Steg, ihre Masten ragen in den Himmel. Im Vordergrund eine Wiese mit gelben Wildblumen und einzelnen Grasbüscheln, links ein Baum am Ufer. Das Wasser glitzert im Licht, am gegenüberliegenden Ufer verläuft eine Baumlinie unter einem leicht bewölkten Himmel.
©Forschungszentrum Jülich/BioökonomieREVIER/Sascha Kreklau

Was ist so deine große Hoffnung für die Bioökonomie im Rheinischen Revier?
Am schönsten wäre es, wenn wir hier eine echte Zukunftsversion entwickeln, die in 50 Jahren an ganz vielen Stellen sichtbar ist. Unsere Landwirtschaft wird dann anders aussehen, etwa weil wir sehr viel diversere Nutzpflanzen anbauen. Vielleicht betreiben wir auch im Rheinischen Revier mehr Agroforst-Wirtschaft. So könnte neben den Tagebauseen und den Naherholungsgebieten ein diverses und nachhaltiges Landschaftssystem entstehen, von dem alle profitieren. Das könnte man dann auch im Alltag erleben. In Supermärkten würden mehr regionale Produkte verkauft werden, die die Verbraucher direkt nutzen. Zum Beispiel Geschenkpapier aus Brennnesseln, die direkt auf dem Feld um die Ecke wachsen.


Wie können wir unsere Ziele erreichen?
Geismann:
Ich glaube, dass es total wichtig ist, dass entweder alles Fossile noch deutlich teurer wird oder es viel mehr Förderung für nicht-fossile Produkte gibt. Wir haben ja schon super viele Dinge und Ideen, erste Testprodukte, die vollständig aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden können. Sie erreichen aber nicht die breite Masse, weil sie einfach teurer als konventionelle Produkte sind. Dann stellen die Unternehmen die Produkte auch nicht mehr her. Diese Lücke müssen wir schließen, im Zweifel durch politische Maßnahmen. Aktuell ist es allerdings so, dass oft fossile Lösungen noch stärker subventioniert und damit künstlich billiger werden. Solche Maßnahmen helfen allerdings nicht beim Umstieg auf nachhaltige und resiliente Produkte.

Was würdest du dir wünschen, was in den nächsten fünf Jahren passieren soll?
Geismann: Wir brauchen in den nächsten fünf Jahren ein paar echte Erfolgsgeschichten. Ein marktreifes Produkt mit einer neuen Wertschöpfungskette, die zeigt, dass wir fossile Produkte tatsächlich kostengünstig und flächendeckend ersetzen können. Gleichzeitig müssen diese Produkte einen großen gesellschaftlichen Impact auf regionaler Ebene haben. Wenn sich ein Produkt nur auf eine sehr kleine Branche bezieht, generiert das nicht die benötigte Aufmerksamkeit. Außerdem müssen wir die Bioökonomie in die Köpfe bekommen. Aktuell muss man da oft sehr weit ausholen, wenn man erklären will, was das eigentlich ist, und dann wird es schnell akademisch. Dabei müssen wir viel praktischer kommunizieren und uns fragen: Wie erkläre ich die Chancen der Bioökonomie so, dass jetzt jemand, der gar nichts davon versteht, einen Zugang zu findet? Das geht am besten mit einem Alltagsprodukt. Ich nehme zum Beispiel PET-Flaschen und erkläre dann, dass man die auch aus Mais herstellen könnte und welche Vorteile das hätte. Wir müssen nah an den Leuten bleiben, über den rein akademischen und rein ökonomischen Faktor hinauskommen – dafür ist Bildung entscheidend. 

Das Interview führte Eva Johanna Onkels

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