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23.02.2026

Transformationsmanagerin Angelina Eßer führt Forschung in die Praxis

Porträt von Angelina Eßer. Sie steht im Freien vor Gewächshäusern am Forschungszentrum Jülich und lächelt in die Kamera. Sie trägt eine rote Bluse mit Schleifendetail am Kragen, ihr hellbraunes Haar fällt offen über die Schultern. Links im Bild ist groß im Vordergrund ein Mikroskop zu sehen, das auf eine beleuchtete Probe gerichtet ist. Die Aufnahme verbindet Forschung im Labor mit landwirtschaftlicher Praxis im Hintergrund. © Forschungszentrum Jülich / BioökonomieREVIER / Franziska Hermanns / pixabay

Angelina Eßer (29) ist Innovationsmanagerin bei BioökonomieREVIER. Die studierte Wirtschaftspsychologin baut Brücken zwischen Wissenschaft und Wirtschaft und hilft Forschenden, Gründungsvorhaben umzusetzen. So trägt sie dazu bei, neue Impulse für den Strukturwandel im Rheinischen Revier zu setzen.

Wie bist du zu BioökonomieREVIER gekommen?
Angelina Eßer: Ich habe eine Stellenausschreibung gesehen für einen Werkstudentenjob bei BioökonomieREVIER über einen Verteiler. Die Stelle klang sehr vielseitig. Ich habe erwartet, dass ich einerseits viele Einblicke in die Wissenschaftswelt bekomme, andererseits in die Region und ihre Unternehmen. Dann habe ich mich beworben, bin genommen worden und wurde dann später als Vollzeitangestellte übernommen.

Du hast also noch während des Studiums bei BioökonomieREVIER angefangen.
Eßer: Genau, ich dachte sofort, dass die Stelle gut zu mir passt. Während meines Masterstudiums in Wirtschaftspsychologie habe ich mich intensiv mit Fragen beschäftigt, die auch für den Strukturwandel relevant sind: Wie agieren Menschen in Zeiten des Wandels, und vor allem: Wie lassen sich die damit verbundenen Prozesse so gestalten, dass sich Menschen involviert und langfristig motiviert fühlen? Denn das ist entscheidend für unsere Arbeit, bei der es neben technischen Lösungen auch darum geht, Menschen in Betrieben, Schulen, und in der Zivilbevölkerung mitzunehmen. Außerdem habe ich auch einen landwirtschaftlichen Hintergrund und bin in der Region aufgewachsen, was mich zusätzlich motiviert, eine nachhaltige Transformation hier zu gestalten.

Die Nachhaltigkeit ist also ein Faktor, der dich antreibt – was motiviert dich darüber hinaus?
Eßer: Ich mag, dass wir hier so viele unterschiedliche Themen bearbeiten. Ich entdecke immer wieder Neues, sei es von den klassischen pflanzenwissenschaftlichen Themen bis zu Biotechnologie. Ich finde es so spannend, wenn die Kollegen aus der Forschung erzählen. Da gibt es unzählige zukunftsweisende, motivierende Ideen. Zum Beispiel Forscher, die erklären, wie sie Mikro- und Nanoplastik aus Flüssigkeiten filtern möchten und dadurch die Menge an Plastik reduzieren können, die unser Körper aufnimmt. Oder wenn es um die Frage geht, wie wir die Menschen in der Zukunft möglichst gesund ernähren können. Das sind sehr motivierende Ziele.

Du arbeitest am engsten mit den Wissenschaftlern zusammen. Als Transformationsmanagerin für die Wissenschaft bist du aktuell verantwortlich für die von BioökonomieREVIER betreuten Forschungsprojekte – unsere 14 Innovationslabore. Wie definierst du deine Rolle?
Eßer: In meinem Job schlage ich Brücken zwischen Wissenschaft und Praxis – und das jeden Tag ein bisschen anders. Die einzelnen Projekte unterscheiden sich stark. So kommt es zum Beispiel vor, dass Menschen darüber nachdenken, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Gemeinsam schauen wir uns an, welche Wege möglich sind, welche davon wirklich zu ihnen passen, und entwickeln dann eine klare Roadmap, mit der sie ihre Idee Schritt für Schritt weiterbringen können.

Andere wiederum sind schon mittendrin: Ein Gründungsteam wollte zum Beispiel ihr Start-up auf der Agritechnica (Weltleitmesse für Agrartechnik, Anm. d. Red.) präsentieren. Also haben wir gemeinsam einen Messestand organisiert, an dem sie und weitere Kollegen aus der Forschung ihre Ansätze einem großen Publikum vorstellen konnten. Das ist ein wichtiger Schritt, um Praxisfeedback zu bekommen und neue Partner zu gewinnen.

Neben dieser direkten Begleitung organisiere ich Workshops rund um die Gründung und Verwertung, von Storytelling bis zum Business-Model Canvas. Zusammen mit meinen Kolleginnen aus der Kommunikation sorgen wir außerdem dafür, dass die Erfolge und Entwicklungen unserer Projekte sichtbar werden, etwa durch Beiträge auf LinkedIn. So zeigen wir, welche positiven Effekte in der Region bewirkt werden können.

Gruppenfoto beim REVIER Makerthon. Elf Personen stehen und sitzen gemeinsam auf einer Bühne und strecken lachend die Arme in die Höhe. Einige halten Trophäen in den Händen. Im Hintergrund ist eine große Leinwand mit der Aufschrift „REVIER Makerthon – Think. Build. Innovate“ zu sehen. Neben der Gruppe steht ein Banner mit dem Logo des Makerthons. Die Stimmung wirkt ausgelassen und feierlich, als würden die Teilnehmenden ihren Erfolg feiern.
©Forschungszentrum Jülich / BioökonomieREVIER / Safiye Solakoglu

„Ich finde es großartig, dass die Kolleginnen und Kollegen so sehr für Ihre Themen brennen.“

Du bist bei BioökonomieREVIER nicht ausschließlich für die Innovationslabore zuständig. Was sind weitere Aufgaben?
Eßer: Zusammen mit meinen Kolleginnen und Kollegen engagiere ich mich bei der Organisation von Events wie unserem Feldtag, dem Makerthon oder bei der Zusammenarbeit mit externen Partnern. Außerdem organisieren wir jedes Jahr mindestens eine große Veranstaltung für junge Leute. Bei denen möchten wir spannende Einblicke in unsere Innovationslabore oder andere zukunftsweisende Projekte aus dem Rheinischen Revier vermitteln. So bauen wir Brücken in die Bildung.

Wir haben beispielsweise im Rahmen des European Bioeconomy Changemakers Festivals ein Satelliten-Event im Rheinischen Revier organisiert. Hierzu haben wir einen Bus gemietet und sind mit 50 jungen Menschen durch die Region gefahren. Erst zum Tagebau, um die Vergangenheit der Region zu erklären, und dann zu unterschiedlichsten Orten, die schon jetzt zeigen, wie innovativ die Zukunft hier unabhängig von der Kohle aussehen kann.

Zudem ist die Zivilgesellschaft wichtig. Wir vermitteln unsere Themen exemplarisch auch auf eine einfache Art und Weise, zum Beispiel indem wir mit unserem BioökonomieMOBIL, einer Ausstellung in einem Tiny House, unterwegs sind. Dort kommen wir mit den Menschen aus der Region in Kontakt. Durch solche Maßnahmen kann ich weitere Akteure finden, die Interesse daran haben, mit uns zusammenzuarbeiten, oder die uns wichtige Impulse geben.

Was ist in deinem Arbeitsalltag besonders wichtig, wenn du mit Menschen aus ganz unterschiedlichen Hintergründen ins Gespräch gehst?
Eßer: Damit die Transformation und der Austausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft funktioniert, braucht man super viele unterschiedliche Menschen. Die Forschenden, Unternehmen, eine Zivilbevölkerung, die diesen Wandel unterstützt, und im besten Falle die Politik, die da das Ganze unterstützt.

Ganz schön viele Perspektiven …
Eßer: Ja, und es ist nicht immer leicht, diese unter einen Hut zu bringen. Daher ist das Verständnis für diese unterschiedlichen Perspektiven und Ziele wichtig. In meinem Alltag bedeutet das: Wenn wir z.B. mit dem BioökonomieMOBIL unterwegs sind, kommen vom Nachbarn nebenan bis zum Professor alle möglichen Leute, die alle einen unterschiedlichen Background haben. Dann frage ich mich: „Wie muss ich eigentlich ansetzen, um zu vermitteln, was wir erreichen wollen?“ oder „Wie kann ich zeigen, dass unsere Themen auch für diese Person relevant sind?“.   Wenn man seine Gegenüber so abholt, entstehen extrem spannende Diskussionen und man lernt viel über die Ansichten der Menschen.

Nehmen wir mal an, da meldet sich jetzt ein Forscher bei dir und sagt, dass er eine konkrete Idee hat. Gehst du dann zu deinen Kollegen, den Transformationsmanagern für zum Beispiel Wirtschaft oder Landwirtschaft, und sagst: „Schaut mal, hier ist die und die Idee – gibt es da vielleicht Anknüpfungsmöglichkeiten?“
Eßer: Ich werde von unterschiedlichen Seiten angesprochen, von Kolleginnen und Kollegen aus der Forschung, aber auch von Menschen aus der Region. In allen Fällen versuche ich, die Person zu vermitteln, die am besten zu dem Thema passt. Da ich nun drei Jahre Teil von BioökonomieREVIER bin, kenne ich mich ganz gut aus mit den Akteuren in der Region und aus der Forschung. Daher finde ich schnell den richtigen Kontakt für die jeweilige Anfrage. Je nach Thema ergeben sich hier natürlich auch Anknüpfungspunkte für die Transformationsmanager.

Was macht dir in deinem Job am meisten Spaß?
Eßer: Dass jeder Tag anders ist und ich mich mit so vielen neuen Wissensbereichen beschäftigen darf. Ich finde es großartig, dass die Kolleginnen und Kollegen aus der Forschung und den Strukturwandelprojekten so sehr für Ihre Themen brennen. Es ist schön zu sehen, dass sie denen, die gar nicht aus ihrer Welt sind, gerne von ihren Zielen für das Rheinische Revier erzählen und diese gemeinsam erreichen möchten. Dann können viel mehr Menschen erkennen, dass es super viele Potenziale hier in der Region gibt. 

Collage aus zwei Motiven: Links sind mehrere Windräder auf einem Feld unter bewölktem Himmel zu sehen, im Vordergrund wachsen grüne Pflanzen. Rechts stoßen zwei Personen mit den Fäusten an, als Zeichen von Zusammenarbeit. Auf einem Tisch stehen ein Glas mit verschiedenen Samen oder Nüssen sowie Stifte in einem Becher. Das Bild verbindet erneuerbare Energien, Landwirtschaft und Kooperation in einem gemeinsamen Kontext nachhaltiger Entwicklung.
©Forschungszentrum Jülich / BioökonomieREVIER / Sascha Kreklau / pixabay

„Die Bioökonomie ist Impulsgeber für neue Wertschöpfungsketten, innovativer Treiber und Anstoß für gute Ideen“

Was ist das Besondere am BioökonomieREVIER-Team?
Eßer: Dass wir so unterschiedlich sind. Unser Team besteht aus vielen verschiedenen Menschen: Wir kommen aus der Faserindustrie, der Landwirtschaft, der Biotechnologie, der Kommunikation oder dem Maschinenbau, wir haben Geographen und – wie ich und unsere neue Kollegin – Psychologen. Auch das hilft beim Perspektivwechsel.

Was ist deine Hoffnung für eine Modellregion Bioökonomie im Rheinischen Revier? Was verknüpfst du damit? Wohin wollen wir uns entwickeln? 
Eßer: Ich würde mich freuen, wenn sich die vielen Menschen und Initiativen in der Region, die bisher eigenständig und nur lose verknüpft unterwegs sind, enger aneinanderbinden. Wir sollten uns als Team betrachten und sagen: „Hey, lasst uns hier zusammen etwas Positives erreichen. Lasst uns tolle Ideen umsetzen.“ Die Nachhaltigkeit spielt dabei eine herausgehobene Rolle. Sie ist wichtig für die gesunde, resiliente und nachhaltige Zukunft des Rheinischen Reviers. Wertschöpfungsketten, die durch die Bioökonomie geprägt werden, sind dafür eine große Chance. Sie ist Impulsgeber für neue Wertschöpfungsketten, innovativer Treiber und Anstoß für gute Ideen.

Du sagtest, dass es für dich wichtig ist, dass sich die Menschen als Team begreifen. Was denkst du, was da für erfüllt sein muss, damit diese Vision erreicht werden kann?
Eßer: Eine der wichtigsten Voraussetzungen ist wahrscheinlich ein gemeinsames Ziel, das alle verbindet. Nur wenn klar ist, wohin wir uns entwickeln wollen, können Menschen langfristig motiviert bleiben und bereit sein, diesen Weg gemeinsam zu gehen.

Mit einem Blick auf die nächsten Jahre – was wünschst du dir da für das Rheinische Revier?
Eßer: Ich wünsche mir, dass im Revier das Gefühl, dass wir die Region zusammen gestalten, noch stärker wird. Dafür ist das biobasierte Wirtschaften ein entscheidender Faktor. Es wäre wunderbar, wenn sich möglichst viele verschiedene Menschen in diesem Prozess engagieren.

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