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21.11.2025

„Die Stimme der praktischen Landwirtschaft“ – BioökonomieREVIER-Transformationsmanager Robert Hilden im Interview

Transformationsmanager Dr. Robert Hilden ist die Stimme der Landwirtschaft bei BioökonomieREVIER. Er trägt einen dunklen Pullover und darunter ein hellblaues Bild. Im Hintergrund sind blaue Metallstangen, die zu einem Roboter gehören, zu sehen. ©Forschungszentrum Jülich / BioökonomieREVIER / Eva Johanna Onkels

Brückenbauer zwischen Landwirtschaft, Unternehmen und Wissenschaft, die die Bioökonomie im Rheinischen Revier vorantreiben wollen, das sind die Transformationsmanager von BioökonomieREVIER. Hier stellen wir sie vor!

Robert Hilden (50) ist unser Transformationsmanager für die Landwirtschaft. Als Agrarwissenschaftler und langjähriger Mitarbeiter bei verschiedenen Landmaschinenherstellern kennt er bestens die Sorgen und Nöte der Branche. Seine Stimme ist im Team von Bioökonomie besonders wertvoll, da er die praktische Landwirtschaft mit der Forschung und der Industrie verknüpfen kann. Im Austausch mit den Kollegen für den Bereich KMU und Region ist er ein Dreh- und Angelpunkt für die Schaffung ganz neuer Wertschöpfungsketten – vom Rohstoff bis zu den Reststoffen.

Wie bist du zu BioökonomieREVIER gekommen?

Dr. Robert Hilden: BioökonomieREVIER hatte eine Stelle ausgeschrieben für jemanden mit einem landwirtschaftlichen Hintergrund. Das passte gut. Mich interessieren die Themenbereiche sehr, die BioökonomieREVIER beackert. Auch räumlich passt es gut. Ich komme aus der Nähe von Neuss und habe viele Freunde, die im Rheinischen Revier bzw. in der Köln-Aachener-Bucht in der Landwirtschaft oder in ihrem vor- oder nachgelagerten Bereich tätig sind. Dazu kommt die Wahnsinnsgeschichte des Rheinischen Reviers mit seinem unglaublichen Potenzial, etwas zu entwickeln.

Diese Entwicklung mitzugestalten, ist eine große Aufgabe. Was treibt dich persönlich dabei an?
Hilden: Die Situation, die wir hier haben, ist auf der Welt einmalig. Diese Vernetzung zwischen Wissenschaft und Praxis ist einfach spannend. Wir müssen Brücken bauen, ohne zu politisch zu werden, positiv an die Aufgabe herangehen und das vor einem historisch nicht immer schönen Hintergrund. Ich kenne persönlich viele Landwirte, deren Höfe hier im Revier weggebaggert worden sind. Und wenn ich jetzt die Löcher sehe oder die Abraumhalden und mir vorstelle, dass da ein schöner, dreihundert Jahre alter Vierkanthof drin ist, dann geht das nicht spurlos an einem vorbei. Doch wir müssen nach vorne blicken. Wir dürfen uns nicht gegenseitig vorhalten, was wir verkehrt gemacht haben, sondern sollten unsere Geschichte als Möglichkeit sehen, ein „Wir-Gefühl“ hier in der Region aufzubauen.

Als Transformationsmanager hast du die Möglichkeit dazu – wie definierst du genau deine Rolle bei BioökonomieREVIER?
Hilden: Ich bin die Stimme der praktischen Landwirtschaft. Landwirtschaftliche Betriebe stehen am „Ende“ der Nahrungskette. Es geht nicht ohne sie, das ist klar. Aber es ist für sie eine große Herausforderung, tragfähige neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Dabei sind die Landwirte im Rheinischen Revier pragmatisch. Sie sagen: „Wenn ich damit Geld verdiene, mache ich es, wenn nicht, mache ich es nicht.“ Wir von BioökonomieREVIER können da ansetzen. Denn es gibt zwei Hebel in der Landwirtschaft – ökonomisch oder über den Innovationswillen der Landwirte. Aktuell ist der wirtschaftliche Druck hoch. Daher stoßen wir schneller auf offene Ohren für neue Ideen – aber sie müssen umsetzbar sein. Denn ein landwirtschaftlicher Betrieb ist vor allem ein Unternehmen.

Daher ist meine Aufgabe, Begeisterung bei den Landwirten zu erzeugen. Für neue Kulturen, alternative Kulturen, für unsere Ansätze wie die Färberdistel. Denn die ist für den Landwirt eigentlich ein Unkraut. Wenn ich mit der Idee, sie anzubauen, auf ihn zugehe, dann sagt der mir: „Hör mal, ich versuche seit Jahren, die Disteln aus dem Acker zu bekommen und du willst jetzt, dass ich die anbaue?“ Und bei der Distel ist es noch leicht erklärt. Ich kann sagen: „Es ist eine andere Sorte, sie ist einjährig und es gibt viele Vorteile, was die Bodenstruktur angeht.“ Bei Letzterer können wir anpacken und den Landwirt darüber mitnehmen.

Auf dem Bild ist ein Mähdrescher zu sehen, der ein Feld mit trockenen Färberdisteln abernten. Das Licht ist warm. Eine dünne Staubschicht liegt auf den Pflanzen.
©Forschungszentrum Jülich / BioökonomieREVIER / Eva Johanna Onkels

„Wir haben die besten Böden, wir haben genug Wasser“

Also können die Landwirte sich an dich wenden?
Hilden:
Als Erstes die Landwirte, ja, als Zweites aber auch der vor- und nachgelagerte Bereich. Zum Beispiel Genossenschaften, die sagen: Wir brauchen neue Modelle, wir müssen zukunftsträchtig denken, wir sehen da ganz neue Ansätze. Auch die anderen Transformationsmanager wenden sich an mich, weil wir auf dem kleinen Dienstweg gut Wissenslücken aufarbeiten können. Wenn es zum Beispiel Fragen gibt, ob wir etwas hier im Rheinischen Revier produzieren können, antworte ich gerne: Wir haben die besten Böden, wir haben genug Wasser, wir sind erfahren in der Fruchtfolge und haben schlaue Landwirte. Wenn die Industrie Primärprodukte braucht, können wir es anbauen. Allerdings muss der Preis stimmen. Dann finde ich jemanden, der es macht. 

Wo liegen aus deiner Sicht die größten Herausforderungen, wenn Landwirte und Industrie enger zusammenarbeiten sollen?
Hilden:
Wichtig ist zu verstehen, dass die Landwirte nichts produzieren, bei dem sie nicht ungefähr wissen, was dabei herauskommt. Sie arbeiten mit der Natur, das heißt, sie haben immer ein gewisses, nicht zu unterschätzendes Risiko. Das muss sich widerspiegeln – im Preis oder einer anderen Abfederung. Außerdem kann die Industrie nicht heute etwas anfragen, was sie dann morgen schon haben will. Es muss erst einmal wachsen! Da sind dem Landwirt die Hände gebunden. Wenn ich jetzt, Ende Oktober, Anfang November, den Weizen in den Acker einbringe, dann ist der erst im Juli oder August fertig. Andere Pflanzen, wie die Distel, die Zuckerrübe, den Hanf – die kann ich erst im März säen. Das heißt aber nicht, dass ich erst im März anfange zu planen. Das ist kein böser Wille, sondern die notwendige Langzeitplanung. Das müssen unsere Partner verstehen.

Wie unterstützt du Landwirte und Partner konkret in ihrer Arbeit?
Hilden:
Ich lasse meine Partner nicht allein. Meine Partner werden nie von mir hören: Weiß ich jetzt auch nicht, kümmere dich selbst drum. Ich möchte unseren Partnern ein Fundament geben, damit sie etwas Neues wagen kann. Ich möchte ihm zeigen, was möglich ist und ihm helfen, die richtigen Ansprechpartner zu finden, das nötige Wissen vermitteln, und ihn im gesamten Prozess begleiten – von der Aussaat bis zum Verkauf.

Zusätzlich dazu möchte ich ihm – bis zu einem gewissen Grad – eine Abnahme versprechen können. Das ist nicht einfach. Wir arbeiten mit der Natur zusammen, das heißt, dass es manchmal Unberechenbarkeiten geben kann. Diese müssen wir gemeinsam meistern! Es ist auch wichtig, sich einzugestehen, dass es keine hundertprozentige Sicherheit gibt – und das müssen wir auch ehrlich kommunizieren. Aber wir können mögliche Wege aufzeigen, als Team. Und ich bin der Mittelsmann zu den Transformationsmanagern, die enger mit der Industrie zusammenarbeiten.

Du sagst, ein landwirtschaftlicher Betrieb ist auch ein Unternehmen – aber dennoch sind sie anders als ein Industrieunternehmen, oder?
Hilden:
Es ist wichtig zu verstehen, dass landwirtschaftliche Betriebe im Idealfall geerbt und geliehen gleichzeitig sind. Geerbt von der Generation vor mir, geliehen von meinen Kindern. Ich ackere als Landwirt nur ganz wenige Jahre allein im Betrieb. Wenn ich von der perfekten landwirtschaftlichen Familie ausgehe, übernehme ich den Betrieb, wenn die ältere Generation noch da ist. Sie bestimmt immer noch mehr oder weniger mit. Dann gibt es ganz wenige Jahre, in denen meine Kinder noch zu klein sind, aber dann sind die auch mit auf dem Betrieb. Als Landwirt muss und will ich sie mitdenken, ich muss sie mitnehmen, offen für Neues sein. Das heißt aber auch, dass für mich nicht mit 65 Feierabend als Betriebsleiter ist. Diesen Job habe ich mein Leben lang.

Zurück zu deiner Arbeit: Welche Themen liegen dir bei der Zusammenarbeit mit den Landwirten am meisten am Herzen?
Hilden:
Gemeinsam mit ihnen herauszuarbeiten, ob es für sie und ihren Betrieb passende neue Geschäftsfelder gibt und wo die Herausforderungen liegen. Das gilt auch beim Thema Vermarktung. Ich kann andere Wege der Vermarktung aufzeigen. Wenn ein Landwirt Kartoffeln anbaut, kann ich vorschlagen, sie in die Industrie zu geben, zum Beispiel als Stärkekartoffeln. Mein Ziel ist es, die Abhängigkeit der Landwirte von wenigen Möglichkeiten zu reduzieren und neue Optionen vorzuschlagen.

Welche Fähigkeiten oder Eigenschaften sind am wichtigsten, um dies leisten zu können?
Hilden:
Zuhören, zuhören und noch einmal zuhören. Außerdem muss ich gezielt Fragen stellen können, ehrlich sein und Vertrauen aufbauen.

Was macht dir an deinem Job am meisten Spaß? 
Hilden:
Das tägliche Aufstehen. (lacht) Ich muss mich nicht motivieren, ich bin einfach motiviert. Ich habe Kontakt zu einem Bereich, der mich interessiert, und gleichzeitig die Möglichkeit, aus meiner Bubble herauszukommen.

Was ist das Besondere am BioökonomieREVIER-Team?
Hilden:
Wir kommen hier alle auf kleiner Ebene zusammen und leben täglich das, was wir im Großen machen möchten. Wir bringen Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen – z. B. aus der Landwirtschaft, der Biotechnologie, der Forschung – zusammen und suchen nach guten Lösungen hier im Revier. Dasselbe wollen wir auch auf der großen Ebene in der Zusammenarbeit mit Unternehmen machen.

Was ist deine große Hoffnung für die Modellregion Bioökonomie im Rheinischen Revier?
Hilden:
Dass wir helfen, eine zukunftsfähige Struktur aufzubauen, bzw. zu halten. Ich wünsche mir, dass Leute sagen „Die von BioökonomieREVIER haben uns geholfen zu verstehen, dass wir hier diese neuen, ungewohnten Produkte anbauen und vermarkten können. Daraus ist ein für uns tragfähiges Geschäftsmodell entstanden.“ Gleichzeitig wünsche ich mir, dass die Landwirte sich ernst genommen fühlen, dass neue Bilder geschaffen werden und wir Klischees über die Landwirtschaft aufarbeiten.

Was muss erfüllt sein, damit wir dieses Ziel erreichen?
Hilden:
Wir müssen die richtigen Leute zusammenbringen.

Welche Veränderungen wünschst du dir in den nächsten fünf Jahren für die Region oder Branche?
Hilden:
Ich wünsche mir, dass die Landwirtschaft im Rheinischen Revier die Wertschätzung erfährt, die sie meiner Meinung nach verdient hat. Das Bild ist da im Allgemeinen oft verzerrt.

Ich bin der festen Überzeugung, dass Landwirte und Landwirtinnen in der Regel immer das tun, was richtig ist für ihre Familien, aber auch für die Natur. Denn der Boden ist endlich und gleichzeitig unser wichtigstes Gut. Kein Landwirt vergiftet absichtlich seinen Boden, sondern er arbeitet nach bestem Wissen und Gewissen. Die Landwirte sind gut ausgebildet und ich möchte zeigen, dass die Landwirtschaft hier im Rheinischen Revier eine Berechtigung hat.  Die Bioökonomie kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten, denn sie verbindet auf einzigartige Weise die Menschen mit der Natur. 

Das Interview führte Eva Johanna Onkels. 

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